Craniosacrale Osteopathie

Der Begründer des craniosacralen Modells ist William G. Sutherland. Er war direkter Schüler von Dr. Still und bereits während seiner Ausbildung fiel ihm auf, dass der menschliche Schädel an seinen Übergangstellen abgeschrägte Oberflächen aufweist. In seinen Augen bestand hier eine Ähnlichkeit zu den Kiemen von Fischen. Für ihn musste es sich dabei um gelenkähnliche Verbindungen zwischen den einzelnen Schädelknochen handeln. Aus dieser Annahme entwickelte er sein Konzept der rhythmischen Atemmechanik. In den fogenden Jahren studierte Sutherland die Schädelnähte (Suturen) und führte diverse Eigenversuche durch. Es entstand das erste biomechanische Modell der craniosacralen Osteopathie. Außerdem konnte Sutherland ein weiteres Phänomen feststellen: Durch feines und konzentriertes Fühlen im Schädelbereich konnte er einen rhythmischen Puls erspüren. Dieser kann mehr oder weniger ausgeprägt ausfallen. Er nennt diesen „Primärer Atemrhythmus“ (PRM) oder „Odem des Lebens“ (angelehnt an die Bibel). Er ist außerdem der Meinung, dass der Ursprung des PRM nicht im Menschen selbst liegt, sondern einer ggf. höheren Macht entspringen würde. In seinen Augen bedeutet eine Störung dieses Rhythmus eine Grundlage für sämtliche Erkrankungen. Sutherland bringt somit neben den strukturellen Aspekten einen mehr energetischen Einfluss in die Osteopathie ein. Sein Konzept wird auch in Osteopathiekreisen lange Zeit nicht anerkannt und belächelt.

In den folgenden Jahren hat die craniosacrale Osteopathie eine rationale Erklärung entwickelt. Diese beruht auf anatomischen und physiologischen Gegebenheiten des Organismus. In der Terminologie wird die identischen Begriffe wie in allen strukturellen Therapiemethoden verwendet. Die Biomechanik des Schädels wurde der der Halswirbelsäule angepasst. Auch Sutherland sah in der Schädelbasis bereits zu seiner Zeit einen abgewandelten Halswirbel. Das für den Patienten oder kritischen Beobachter wirkende simple „Hände auflegen“ stellt für den Osteopathen eine umfangreiche, jedoch sehr feine Befundung und Behandlung des Atemrhythmus dar. Der Therapeut versucht in der craniosacralen Osteopathie die Bewegung der einzelnen Schädelknochen in Bezug zum Gesamtorganismus zu bringen und auch hier fasziale Spannungen in und um den Schädel zu lösen.

 

Quelle: Langer, Hebgen (2014) . Lehrbuch Osteopathie . Haug Verlag